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Es hätte ja auch alles ganz planmässig ablaufen können. Jeden Tag routinemässig vor mich hinwandern, ab und zu eine besonders schöne Landschaft abknipsen und hoffen, dass die Qualität der iPhone-Kamera die Inkompetenz des Fotografen zumindest teilweise kompensiert, zwischendurch über eine Geröllhalde oder den vierhundersten umgestürzten Mammutbaum auf dem Trail fluchen, irgendwann jeweils doch noch einen Zeltplatz finden und schliesslich die Grenze zu Kanada erreichen. Das alles in einem Zeitplan, der es mir erlauben würde, am 4. September wieder Handy-Empfang zu haben, um meinem Sohn zum Geburtstag zu gratulieren. Aber das wäre dann doch etwas zu einfach gewesen.

 

Bye-bye Bayern.

 

Mal was anderes in Sachen Wetter. Eigentlich ganz erfrischend.

 

Elch? Jedenfalls wieder ein Kandidat für Tierfoto des Jahres.

 

Neuer Tag, neues Wetter.

 

Passend zum Zustand des Trails.

 

Grrrrrrossartig…

 

Ausnahmsweise nicht umgestürzte Bäume, sondern ein Seelein zum Ausrasten.

 

And a good morning to you, sir.

 

Hiker Misplaced neben einem typischen Hindernis dieses Tags. Ich vergass zu erwähnen, dass er nur 53 Zentimeter gross ist.

 

Wo bitte geht’s hier nach Kanada?

 

Typische Flussquerung.

 

Warten aufs Stehekin Shuttle.

 

Schulbus! Cool.

 

Draußen vor der Bäckerei. Gang zwei von fünf.

 

Unterwegs zum Hart‘s Pass.

 

Letzter Abschnitt, erste Rauchzeichen.

 

Der letzte See.

 

Geschafft. Wer hätte das gedacht.

 

Ich nicht unbedingt…

 

Das sah am Morgen noch anders aus.

 

Hmm, vielleicht doch weiterlaufen?

 

Washington By Night.

 

Heartbreak beim Hart‘s Pass.

 

Hiker-outfit, hobo style.

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Aus Leavenworth fährt um 13 Uhr ein Bus zum Stevens Pass und dem Trail zurück. Das gab mir knapp genug Zeit, um mich mit halbwegs fertig gepacktem Rucksack aus der Stadt der Heidleburger loszueisen. Auf dem Pass angekommen musste ich zuerst ein paar Schreckminuten verdauen, weil ich überzeugt war, meine Sonnenbrille im Bus vergessen zu haben, bis ich sie hoch erleichtert im Rucksack entdeckte. Dann setzte ich mich vor die Skilodge, packte nochmals sauber, sandte die letzten WhatsApp Posts ab – kein Internet ab jetzt mehr auf dem Trail, ausser eventuell kurz in Stehekin – und machte mich gegen 16 Uhr auf den 106 Meilen langen Weg dorthin. Ich war verschiedentlichst informiert worden, dass dies das härteste Stück Washingtons sei, und für den nächsten Tag waren auch noch Regen und ein Temperatursturz angesagt. Der Start war wie immer etwas schwierig: Die Erinnerung an die wunderbare bajuwarische Marmordusche war noch frisch, der Rucksack viel zu schwer und der Himmel begann sich schon früher als erwartet zu verfinstern. Motivierend war auch, dass mir ein Hiker entgegen kam, mit dem ich kurz vor Leavenworth noch geplaudert hatte. Er habe die Schnauze voll und sei jetzt lieber 15 Meilen zurückgelaufen, als sich das noch weiterhin anzutun. Ok…Da es seit längerem aussah, als würde es in den nächsten Minuten losregnen, beendete ich den Tag bereits um etwa halb Acht, als nach gut 11 Meilen ein ansprechender Zeltplatz auftauchte. Ich achtete diesmal peinlich darauf, dass mein Zelt etwas Schräglage hatte. Man lernt aus den Tümpeln, in denen man am Morgen erwacht, wenn es in einer Senke liegt. Zu meiner Überraschung hörte ich aber kein Prasseln, als ich gegen 6 Uhr die Augen öffnete. Auch das Überzelt war eher feucht als nass. Immerhin, schon mal kein Stress beim Einpacken. Sehr willkommen, da ich einen knallharten Tag erwartete. Mein Plan sah 25 Meilen vor, aber das bedeutete fast 2500 Höhenmeter – mir graute davor. Grau war auch der Himmel, aber der versprochene Regen war eher ein Nieseln – mir sollte es recht sein. Der Trail kooperierte ebenfalls, nicht allzu steil oder steinig, und so kam ich überraschend gut vorwärs. Am Abend gings nochmal richtig satt hoch, und es wurde auch erstaunlich kalt, aber ich schaffte es bis ganz nach oben, fand sogar einen perfekten Zeltplatz und hatte es völlig unerwartet auf fast 29 Meilen gebracht. Einzig das linke Handgelenk machte mir etwas Probleme. Es hatte im Lauf des Tages zu schmerzen begonnen – das dauernde rauf und runter verlangte auch von den Trekkingstöcken maximalen Einsatz. Wird schon wieder, dachte ich und legte mich auf die Matte, im Hochgefühl das Schlimmste grandios überstanden zu haben. Nur hatte ich mich da leider verschätzt. Das zeigte sich am nächsten Tag ziemlich rasch. Das Handgelenk hatte sich über Nacht leider nicht beruhigt und fühlte sich nach Sehnenscheidenentzündung an. Naja, wenigstens nicht das Knie oder sowas – ich lief erstmal einfach weiter. Dann begann der Trail, mir das Leben richtig schwer zu machen. Dauernd versperrten umgestürzte Bäume den Weg, die Umwege oder eklige Kraxeleien erforderten, was mit dem Rucksack begrenzt Spass machte, einen immer wieder runterbremste und keinen gleichmässigen Laufrhythmus zuliess. Dann folgte eine Flussüberquerung der mühsameren Sorte – nach einer zeitraubenden Wegsuche zitterte ich mich auf einem dünnen Baumstamm zentimeterweise in ungemütlicher Höhe über die Fluten, realisierte erst in der Mitte dass mein Handy gut zur Hälfte aus der offenen Bauchtasche ragte, fiel aber erstaunlicherweise diesmal trotzdem nicht rein. Gegen Mittag war ich aber schon ziemlich bedient und erst jetzt kamen die ersten Höhenmeter, ziemlich rasch gefolgt von über 2000 weiteren und immer noch durchsetzt mit Hindernissen, die jeden Kampfbahnkonstrukteur in Ekstase versetzt hätten. Auch Gestrüpp wucherte reichlich über den Weg – in eins davon fiel ich rücklings rein, lag eine Minute lang da wie eine umgekippte Schildkröte und konnte mich erst befreien, als ich meinen Panzer abstreifte. Und zu guter Letzt passierte genau das, was ich mir am Morgen noch als Bad-Case-Szenario ausgemalt hatte: Mein rechtes Knie begann zu schmerzen. Dass ich es unter diesen Umständen auf 25 Meilen brachte, war noch respektabel, aber es war abzusehen, dass ich das immer noch 43 Meilen entfernte Shuttle nach Stehekin, dem letzten Town-Stop des ganzen Trails, nicht wie erhofft am übernächsten Morgen um 9 Uhr erreichen würde. Selbst der 14 Uhr Bus war noch keineswegs gesichert. Und das Knie machte mir ernsthaft Sorgen. Die Perspektive wechselte nun von „Wow, nur noch 130 Meilen“ zu „Shit, immer noch über 200 km. Leider Gottes zeigte sich das Knie am nächsten Morgen keineswegs erholt, und so legte ich erstmal den Schongang ein. Doch nach kurzer Zeit preschte ein drahtiger Kerl an mir vorbei. Alte Instinkte wurden wach und ich klemmte mich an seine Fersen. In ganz anderem Tempo ging es weiter und ich konstantierte, dass mein Knie trotz der wesentlich höheren Pace nicht wesentlich stärker schmerzte. Immerhin. Mein Pacemaker nannte sich Misplaced, hatte schon den Appalachian Trail bewältigt und wand sich wie ein Zirkusartist um und über die immer noch zahlreichen Hindernisse auf dem Pfad, wobei er jeweils netterweise auf mich wartete. Das führte dazu, dass ich schon 15 Meilen auf dem Zähler hatte, als er sich kurz vor 12 an einem Fluss niederliess, um auf seine Gruppe zu warten. Ich powerte weiter, hielt die Verpflegungs- und Wasserfilterpausen so kurz wie möglich und zog um 19 Uhr Bilanz. Einerseits war ich hundemüde und mein Knie sah aus als hätte sich im Innern ein Airbag ausgelöst. Andererseits hatte ich schon 30 Meilen geschafft, die Schmerzen waren erträglich, der Trail nun besser begehbar und das 9 Uhr Shuttle wundersamerweise mit einem Extra-Effort wieder ein Thema. Ich beschloss, auf Tutti zu gehen. Irgendwie musste ich ja sowieso nach Stehekin kommen und falls es mich und das Knie verblasen würde, wäre ich wenigstens einigermassen spektakulär aus dem Rennen geschieden. Ich biss also auf die Zähne, lief bis 23 Uhr weiter, fand nach total 38 Meilen – neuer Rekord – einen akzeptablen Platz fürs Zelt und konnte so schliesslich meinen ersten 60-km-Tag beschliessen. Das Shuttle war nun nur noch gute 5 Meilen weg. Die spulte ich am nächsten Morgen relativ problemlos ab und traf um halb 9 auf dem Parkplatz ein. Dort war bereits eine eindrucksvolle Gruppe versammelt. Ich war meiner alten Bubble enteilt, hatte nun aber offensichtlich die nächste Blase eingeholt.

Dann kam das Shuttle, das sich als waschechter amerikanischer Schulbus entpuppte und die mittlerweile etwa 30-köpfige Meute problemlos schluckte – sehr schön, in sowas auch mal reisen zu dürfen. Erster Stop auf der 15 km Fahrt nach Stehekin war eine in Hikerkreisen hoch gelobte Bäckerei. Wir wurden zwar durchgeschleust wie Rheumadeckenkäufer auf einer Kaffeefahrt, aber die Qualität war tatsächlich schwer in Ordnung. Ich befand mich zum Glück vorne in der Schlange und biss bereits zufrieden in eine Himbeertorte, als mir jemand auf die Schulter klopfte. Die beiden Schweizer Matthias und Yannick, die ich bereits vor Monaten auf dem San Jacinto getroffen hatte, waren ursprünglich hinter mich zurückgefallen, dann feuerbedingt weit vor mich gesprungen, bevor sie von den PCT Days und dem Novo-Virus soweit gebremst wurden, dass ich sie nun wieder eingeholt hatte. Wir plauderten etwas, sie zeigten mir ihr Bärenvideo, ich ihnen mein Knie, dann gings zurück in den Schulbus, der uns 2 Meilen später in Stehekin wieder ausspuckte. Dieser Ort ist selbst für PCT Verhältnisse speziell: Er liegt am grössten natürlichen See Washingtons, lässt sich nur per Fähre oder zu Fuss erreichen und verfügt über einen Laden (teuer und schlecht sortiert), ein Restaurant (wegen Personalmangel geschlossen), zwei Hotels (ausgebucht), einen Campingplatz (überfüllt) und eine Poststelle (überlastet, da sich aus obigen Gründen fast alle Hiker ein Fresspaket senden). Trotzdem hat das Ganze unbestritten einen gewissen Charme. Ich eilte sofort zur Post und versorgte mich so zum letzten Mal mit Mahlzeitbeuteln, sicherte mir den letzten freien Stromanschluss für meine Elektrogeräte, irrte durch den Laden bis ich dann doch das eine oder andere fand und machte meinen Rucksack wieder kampfbereit. Ich schaffte es so gerade noch auf das 13 Uhr Shuttle, stieg bei der Bäckerei aber aus und machte mich dran, auch noch die körpereigenen Vorratsspeicher zu befüllen. Dank diversen Kuchensorten, die jeweils mit Rahm und Glacé serviert wurden, gelang dies hervorragend. Da mir alle Hiker beim Blick auf mein Knie immer wieder das Gleiche empfahlen, spendierte ich ihm widerwillig auch noch ein Ibuprofen und beschloss, es ansonsten von nun an einfach zu ignorieren, solange es irgendwie ging. Das 16 Uhr Shuttle brachte mich schliesslich wieder raus zum Trail. Der führte direkt in einen Nationalpark und die Ranger hatten auf die aktuelle Hikerplage mit einer neuen Vorschrift reagiert: Man durfte nur noch an zwei Orten campieren, entweder nach 6 oder nach 12 Meilen. Den ersten erreichte ich kurz nach 19 Uhr und er sah so ungemütlich nicht aus, dennoch zwang ich mich zum Weiterlaufen, was sich später als äusserst glücklicher Entscheid entpuppen sollte. Kurz vor 22 Uhr war trotz kontinuierlich ansteigendem Trail auch BaseCamp 2 in Sicht. Das war allerdings schon von der etwa doppelten Anzahl der vorgesehenen Zelte belegt, aber mit etwas Geschick und viel Rücksichtslosigkeit schaffte ich es, auch meins noch irgendwo reinzuzwängen. Als ich am nächsten Morgen mitten am Zusammenpacken war, begann es zu regnen – obwohl kaum eine Wolke den Himmel trübte. Auf meine Proteste reagierte eine Nachbarin mit der lakonischen Bemerkung, dass wir nöchstens den Rainy Pass erreichen würden. So kam es dann auch, und der Regen hatte seine surreale Performance längst wieder beendet. Dafür wartete auf dem zweitletzten aller PCT Strassenpässe Trail Magic, in Form von höchst wllkommenem warmen Kaffee. Auch die beiden Schweizer, die Stehekin vor mir verlassen hatten, waren dort und wir liefen zusammen weiter. Matthias erzählte von seiner Whisky Collection, ich rächte mich mit Anekdoten aus meiner Comicsammlung und so kamen wir flott voran. Nach einer kurzen Mittagspause verabschiedete ich mich von den beiden, da ich möglichst nahe an den Hart‘s Pass rankommen wollte, wo der PCT zum letzten Mal eine Strasse kreuzt, und sie mit einer etwas gemütlicheren Gruppe unterwegs waren. Der Trail ging munter durch Wälder und Berge, mit mehr Steigungen als erwartet, und als ich um etwa 20 Uhr bei einem Campingplatz mit schon wieder über 40 km und fast 2000 Höhenmeter in den Beinen am Fuss eines weiteren grösseren Hügels ankam, war ich einigermassen versucht, das Ganze gut sein zu lassen. Es hätte aber meinen Plan für den nächsten Tag kompromittiert, also überwand ich mich auch dieses Mal und packte noch einmal rund 4 km drauf. Jetzt war das Ende ja wirklich greifbar nahe und das setzte nochmals Energien frei. Gegen Mittag des nächsten Tages erreichte ich den Hart‘s Pass, und fand mich inmitten einer Grossversammlung der Hikergemeinde wieder. Von diesem Punkt aus sind es noch 50 km bis zum Schlussmonument auf der kanadischen Grenze, und dann folgt normalerweise noch ein Spaziergang nach Manning Park in Kanada. Aber seit Covid lassen die Kanadier niemanden mehr via PCT rein – absurderweise nicht mal ihre Landsleute – und so gehts dann halt die ganzen 50 km wieder zurück zum Hart‘s Pass. Und weil die dortige Passstrasse seit 2 Wochen wegen eines Erdrutsches nur von besonders unerschrockenen SUVs befahren werden kann, dauert es auch meistens ein Weilchen, bis man wieder wegkommt. Zumindest hat man dann reichlich Gelegenheit, huldvoll die Gratulationen der Kollegen entgegen zu nehmen. Nun, ich war noch nicht soweit, hatte aber einen ganz konkreten Plan. Der sah vor, dass ich bei Meile 2638,9 mein Zelt aufbaute – noch 15 Meilen vom Schlusspunkt weg. Ich machte mich also auf den Weg. Immer wieder kamen Hiker entgegen, die ich artig beglückwünschte, auch wenn mir klar war, dass die meisten von ihnen noch Hunderte von Meilen in Oregon und Nordkalifornien zu absolvieren hatten. Die meisten gratulierten genau so höflich zurück, doch mit der Zeit kam eine neue Information mit ins Gespräch. Anscheinend war in der Nähe ein Feuer ausgebrochen. Der PCT war noch offen, und daran würde sich gemäß Rangern vorläufig auch nichts ändern, aber einige der Seitenpfade waren bereits gesperrt. Tatsächlich war in der Ferne ein bisschen Rauch zu sehen. Ich nahm die Information zur Kenntnis und lief weiter, was sollte man auch anderes tun. Programmgemäß erreichte ich kurz vor dem Eindunkeln den vorgesehenen Zeltplatz und fand sogar noch einen wunderbaren Spot innerhalb der Camping- aber außerhalb der Schnarchzone, in den mein Zelt zentimetergenau reinpasste. Das Feuer hatte mich doch ein bisschen beunruhigt, und so stand ich am nächsten Morgen früher auf als ursprünglich vorgesehen. Das Zelt ließ ich mit dem Großteil meines Gepäcks zurück und begab mich mit einem herrlich leichten Rucksack auf die letzten 15 Meilen des offiziellen Trails. So kam ich natürlich flott voran, und bald erreichte ich einen ersten Aussichtspunkt, wo ich mit einigem Unbehagen zur Kenntnis nahm, dass erheblich mehr Rauch aus den umliegenden Wäldern aufstieg als noch am Vortag. Ein paar Meilen weiter liess ich deshalb auch noch den Rucksack am Wegrand liegen, nahm nur gerade eine Wasserflasche mit und trottete den Berg hinunter Richtung Landesgrenze. Am 2. September um 12:30 Uhr war es tatsächlich geschafft: Ich berührte das Schlussmonument des Pacific Crest Trails, posierte für das obligate Schlussfoto, lief wie alle gesetzeswidrig einige Meter nach Kanada rein, verewigte meinen Trailnamen im ofiziellen PCT Journal und setzte mich schliesslich 15 Minuten lang hin, um den seltsamen Gefühlscocktail aus Freude, Ungläubigkeit, etwas Stolz und einer sehr großen Portion Erleichterung noch etwas auszukosten.

Dann ging’s zurück Richtung Rucksack und Zelt. Schon nach etwa einer halben Stunde stürmte ein aufgeregtes Hikerpärchen im Eiltempo an mir vorbei und keuchte, dass ihnen Ranger auf den Fersen seien, die nun alle wieder zurückbeordern würden, da ein weiteres Feuer nahe des Trails ausgebrochen sei. Auch die nächsten paar kreuzenden Kollegen wirkten nicht gerade entspannt. Schliesslich erschienen auch meine Landsleute Yannick und Matthias, die zusammen mit einem topfitten Girl aus ihrer Gruppe ihre Pace aufgrund der neusten Entwicklungen erheblich gesteigert hatten. Wir tauschten eilige Gratulationen aus. Und kaum 10 Minuten später tauchen zwei weitere Gestalten auf, die ich ebenfalls herzlich beglückwünschte, worauf sie sich leicht verlegen als Ranger zu erkennen gaben und bestätigten, dass nun tatsächlich niemand mehr zum Monument durchgelassen würde. Ich hatte es genau noch geschafft, um maximal zwei oder drei Stunden – nach viereinhalb Monaten. Da ich bereits in der Gegenrichtung unterwegs war, blieb ich unbehelligt, konnte etwas später meinen Rucksack wieder umschnallen und erreichte mit dem letzten Tageslicht mein Zelt. Der Trail war nun fast gespenstisch leer. inbesondere nach dem dauernden Gewusel der letzten Tage – ich traf stundenlang keinen Menschen mehr. Offensichtlich wurden alle entgegenkommenden Hiker schon vorher abgeblockt und zurückgeschickt. Beim Zelt kochte ich den extra dafür aufgesparten Luxusbeutel mit Chicken Curry, immer wieder mal den Kopf schüttelnd, da ich zusammen mit dem Curry auch noch verdauen musste, wie sauknapp ich der Sperre entkommen war. Zumal ich auf der schnellsten meiner im voraus berechnten Timelines unterwegs war und Washington in nur 21 Tagen mit einem Schnitt von über 25 Meilen pro Tag durchquert hatte – irgendwo auch nur ein paar Stunden verlieren und es hötte nicht gereicht. Schliesslich wickelte ich mich dann doch in den Schlafsack. Dort blieb ich allerdings nur etwa eine Stunde lang. Dann leuchtete von außen eine Taschenlampe an mein Zelt und eine Stimme informierte mich, dass das Feuer dem Trail bedrohlich näher gekommen sei und ich mich bitte nochmals 10 km Richtung Norden verschieben sollte. Seufz. Ziemlich ineffizient packte ich im Dunkeln langsam meine siebentausend Sachen zusammen und war kurz nach 1:00 Uhr morgens wieder unterwegs Richtung Hart‘s Pass, im Schein der zum Glück frisch aufgeladenen Stirnlampe. Über einen Mangel an dramatischer Szenerie konnte ich mich diesmal nicht beklagen – der Rauch war zu riechen, die Flammen deutlich zu sehen und in der Nacht wirkt das alles noch etwas spannender als sonst. Ich wollte eigentlich durchlaufen, aber nach etwa halber Strecke war ich so platt, dass ich mich direkt am Wegrand in voller Montur auf meine Schaumstoffmatte legte, mit dem Schlafsack zudeckte und sofort für eine weitere Stunde wegdöste. Dann folgten die endgültig letzten Kilometer meines Pacific Crest Trails. Am 3. September kurz vor 10:00 Uhr war ich wieder beim Hart‘s Pass, wo die Stimmung ganz anders war als zwei Tage zuvor. Das Ganze glich nun eher einem Flüchtlingslager. Einem ziemlich überfüllten, da sich jetzt natürlich auch die Hiker stauten, die normalerweise weitergelaufen wären. Die meisten der Anwesenden waren somit zu Tode frustriert, die anderen extrem happy aber äußerst bemüht, es nicht zu zeigen und alle warteten ungeduldig auf den Weitertransport zurück in die Zivilisation. Man kann sich natürlich fragen, ob die paar verpassten letzten Meilen des Trails wirklich eine grosse Rolle spielen, aber Tatsache ist halt schon, dass man bereits beim Start das Schlussmonument irgendwie vor Augen hat und je näher man dem Ende kommt, desto konkreter wird die Vorstellung, das Ding zu erreichen. Und nach einem mehrmonatigen Vorspiel so kurz vor Schluss unvermutet gestoppt zu werden ist schon ein Coitus Interruptus der übleren Sorte. Die allerletzten, die auf die permanent gehörte Frage „Did you make it?“ mit „Yes“ antworten konnten, waren ja meine beiden Schweizer Kollegen, und sie hatten den Pass auch schon erreicht, da sie meinen 46-Meilen-Schlusseffort mit einem 54-Meilen-Einsatz noch übertroffen hatten. Wir organisierten zusammen einen bezahlten Taxi-Transport und liessen uns nicht in das am Fuss des Passes gelegene Dörfchen Mazama bringen, das nun mit Sicherheit aus allen Nähten platzte, sondern in die weiter entfernte, grössere Ortschaft Winthrop, wo wir uns gerade noch die allerletzten beiden Hotelzimmer sichern konnten. Und das wars dann endgültig. Mit Autostopp, Flixbus und Mietwagen habe ich mittlerweile die Küste Oregons erreicht. Das Handgelenk ist tiptop, das Knie noch ganz leicht geschwollen aber ein bisschen rennen geht schon wieder und in ein paar Tagen lande ich in Zürich, so Lufthansa will. Ich hör nun also auf, eure Handys mit unbeholfen fotografierten Landschaften und wacklig gefilmten Viechern zuzuspammen, danke herzlich für die virtuelle Begleitung, freue mich auf persönliche Treffen und kann alle nur ermuntern, im Zweifelsfall lieber einen Blödsinn zuviel als zuwenig zu unternehmen – solange man nur dort von einer Klippe fällt, wo ein paar Bäume stehen, lohnt es sich allemal!

Heartbreak beim Hart‘s Pass.
Passend zum Zustand des Trails.
Der läuft wirklich so auf dem Trail, bei bis zu 35 Grad. Kostüm plus Helm = 8 kg.
Letzter Abschnitt, erste Rauchzeichen.
Geschafft. Wer hätte das gedacht.
Ich nicht unbedingt…
Das sah am Morgen noch anders aus.

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